Auf zellulärer Ebene belegt: Stress führt zu einer schnellen Alterung und zu Depressionen

Alter, Altern und Psychiatrie

Die Schweizerische Gesellschaft für Angst und Depression SGAD verfolgt das Ziel, aktuelle wissenschaftliche Forschung zu den häufigsten psychischen Störungen in Empfehlungen für die Praxis zu überführen. Im Rahmen der diesjährigen Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP im August 2016 veranstaltete die SGAD deshalb ein Symposium zu den Themen „Alter, Altern und Psychiatrie“.


Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zellen. Sie liefern die notwendige Energie für die vielfältigen Funktionen der Zellen innerhalb des Organismus. Werden die Mitochondrien beschädigt, hat dies negative Auswirkungen auf zahlreiche andere Zellbestandteile. Dabei sind Schäden an der Erbsubstanz besonders schwerwiegend und tragen mit grosser Wahrscheinlichkeit massgeblich zum Alterungsprozess und zur Entwicklung von Depressionen bei.

Prof. Dr. med. Erich Seifritz, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, eröffnete das diesjährige SGAD-Symposium am SGPP-Kongress mit einem spannenden Referat zur Rolle von Mitochondrien und oxidativem Stress im Alterungsprozess und bei der Entstehung psychiatrischer Erkrankungen wie z.B. Depressionen.

Chronischer Stress kann oxidative Abbauprodukte akkumulieren lassen, welche Mitochondrien und Zellen schädigen und das scheint mit Depressionen zusammenzuhängen…
Obwohl das Gehirn durchschnittlich nur etwa 2% des Körpergewichts ausmacht, beansprucht es für seine Aktivität bis zu 70% der täglich zugeführten Kohlenhydrate. Die Mitochondrien spielen bei der Deckung dieses hohen Energiebedarfs durch die Bildung des hochenergetischen Moleküls ATP eine zentrale Rolle. Als Nebenprodukte entstehen dabei jedoch hochreaktive Sauerstoffverbindungen (Reactive Oxigen Species – ROS), welche zu Schäden an der Mitochondrien-Membran und auch an anderen Zellbestandteilen führen können – man spricht dabei von oxidativem Stress. Dieser steht in direktem Zusammenhang mit der Entwicklung von Depressionen, wie die CARDIA (Coronary Artery Risk Development in Young Adults) Querschnitts- und Längsschnitterhebung über 15 Jahre zeigen konnte: Die beiden Indikatoren für oxidativen Stress, F2-Isoprostan und Carotinoid, wiesen bei Patienten mit Depressionen signifikant höhere bzw. tiefere Konzentrationen auf als bei Personen ohne Depression.1 Auch eine konstante körperliche oder seelische Überforderung kann zu Depressionen führen.

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… und uns altern zu lassen
Was führt dazu, dass wir Altern? Forscher konnten zeigen, dass vorgeburtlicher Stress und insbesondere auch chronischer Stress in späteren Lebensjahren mit einer Verkürzung der Telomere assoziiert sind und somit Alterungsprozesse beschleunigen können.5, 6, 7 Telomere sind spezifische Chromosomenendstrukturen, die unsere Erbinformation während der Zellteilung schützen. Diese bahnbrechende Entdeckung wurde 2009 mit dem Nobelpreis für Medizin gewürdigt. Im Rahmen des Alterungsprozesses wird die Länge dieser Telomere verkürzt. Um dem entgegen zu wirken, stellt das Enzym Telomerase kontinuierlich die Nukleotide wieder her.2, 3, 4 Patienten mit Depressionen weisen im Vergleich zu gesunden Probanden verkürzte Telomere auf, wie eine Metaanalyse basierend auf 38 Studien zeigt und altern in diesem Sinne schneller.8 Die genauen Mechanismen sind allerdings noch ungeklärt.

Körperliche und seelische Belastungen oder ein ungesunder Lebensstil haben also direkte Auswirkungen auf der Zellebene. Erhöhter oxidativer Stress im Gehirn schädigt verschiedene Zellbestandteile und somit die Funktion des Gehirns. Eine Folge ist die Verkürzung der Telomere, was zu einer schnelleren Alterung beiträgt.

Behandlung von Depressionen im Alter

Anknüpfend an diesen wissenschaftlichen Exkurs folgte ein praxisnaher Teil zu den Behandlungsmöglichkeiten der häufigsten psychischen Störungen Depression und Angst im fortgeschrittenen Alter sowie im Kindesalter. Dr. med. Josef Hättenschwiler, Chefarzt vom Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich (ZADZ), erklärte, dass Angst und Depression mit einer Prävalenz von 14.2% bzw. 9.1% zu den häufigsten seelischen Erkrankungen im Alter zählen, wobei die beiden Störungen in 50% der Fälle gemeinsam auftreten.9, 10

Komorbiditäten bei Depression im Alter
Zerebrovaskuläre Erkrankungen wie z.B. Schlaganfälle, Herz- und Tumorerkrankungen, Hypothyroidismus, Diabetes, Demenz, Alzheimer und Parkinson, Mangelernährung oder die Einnahme von Medikamenten erhöhen das Risiko einer Depression im Alter. Aber auch Angststörungen erhöhen das Risiko, im Alter an Depressionen zu erkranken.9 Komorbide psychische und somatische Erkrankungen verschlechtern wechselseitig die Prognose. Daher ist es besonders wichtig, somatische Beschwerden sowie Hinweise auf Depressionen und Angststörungen möglichst frühzeitig abzuklären und entsprechend zu behandeln.

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Umfassende Diagnostik und ein integrativer Ansatz bestimmen den Therapieerfolg
Bei Depressionen im Alter stehen grundsätzlich die gleichen Behandlungsoptionen zur Verfügung wie in anderen Altersgruppen, wobei die Methoden angepasst werden müssen.11 Eine umfassende Diagnostik und ein integrativer Ansatz sind für den Therapieerfolg essentiell. Bleibt ein Ansprechen auf die Behandlung mit einer antidepressiven Medikation nach 2-4 Wochen aus, empfiehlt sich der ABCB1 Gentest. Das ABCB1-Gen spielt für die Schutzfunktion der Blut-Hirn-Schranke und somit den Übergang von Psychopharmaka vom Blut ins Hirngewebe eine wichtige Rolle. Es wurde gezeigt, dass Variationen des ABCB1-Gens mit Unterschieden in der Wirksamkeit von Antidepressiva assoziiert sind. Der ABCB1-Genotyp liefert daher ein wichtiges Indiz zur Abschätzung der klinischen Wirksamkeit einer medikamentösen Behandlung und erlaubt die Vermeidung erfolgloser Therapien sowie unerwünschter Nebenwirkungen.12

Benzodiazepine und Elektrokrampftherapie
Benzodiazepine sind auch bei Depressionen im Alter sichere und wirksame Wirkstoffe, wobei berücksichtigt werden sollte, dass der Metabolismus im Alter verzögert ist und Nebenwirkungen rascher auftreten. Die Behandlung mit Benzodiazepinen sollte daher so niedrig dosiert bzw. so kurz wie möglich erfolgen.13,14 Bei einer schweren, behandlungsresistenten depressiven Periode mit Suizidalität und/oder Verweigerung von Nahrungsaufnahme hat sich die Elektrokrampftherapie (EKT) mit Remissionsraten von 60-80% innerhalb von 2-4 Wochen als besonders wirksam herausgestellt. Neuste Resultate zeigen, dass die Kombination von EKT und Antidepressiva in der Erhaltungstherapie einer rein medikamentösen Behandlung überlegen sind. Patienten im Alter über 70 Jahren sprachen sehr gut auf die Therapie an und zeigten über einen Zeitraum von 6 Monaten auch keine Verschlechterung der Kognition.15, 16 Eine weitere gute Alternative bietet die Lichttherapie, die in zwei Studien zu einer signifikanten Verbesserung der Depressionssymptomatik bei älteren Patienten führte.17

Angst, Depression und körperliche Komorbiditäten bei Kindern

Aus der 2012/2013 durchgeführten Zürcher Schülerumfrage zu Gesundheit und Lebensstil ging hervor, dass 16-17% der Jugendlichen Hinweise auf Angststörungen oder depressive Symptome sowie körperliche Schmerzen aufwiesen. Mädchen waren dabei häufiger betroffen als Knaben. Je jünger die Kinder waren, desto mehr standen körperliche, oftmals unspezifische Beschwerden im Vordergrund. Letztere hängen häufig mit Trennungsangst von wichtigen Bindungspersonen zusammen und erhöhen das Risiko, später eine Panikstörung zu entwickeln.

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Oftmals sind es unspezifische, diffuse Schmerzen
Prof. Dr. med. Susanne Walitza, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie Zürich, beleuchtete das Thema Schulangst und soziale Phobien bei Kindern. Bei der Entstehung von Sozialphobien spielt die Schule eine wichtige Rolle: 60% der Situationen, die eine soziale Phobie auslösen können (z.B. öffentliches Sprechen, mit anderen Essen etc.), finden in der Schule statt.18 Kindliche Sozialphobie kann zu Isolation und in schweren Fällen auch zu Depression, Alkohol-und Medikamentenmissbrauch sowie Suizidalität führen. Als erste Behandlungswahl gilt nach wie vor die kognitive Verhaltenstherapie, wobei der Psychoedukation eine zentrale Rolle zukommt. Mithilfe eines Erklärungsmodells sollen Kinder verstehen, wie sich Angst für sie körperlich anfühlt, wie sie ihre Gedanken und auch ihr Verhalten beeinflusst und wie sie entsprechend verändert werden kann.

Aus der 2015 durchgeführten Great Smokey Mountain Studie, in welcher 1420 Kinder im Alter von 9-16 Jahren bis ins junge Erwachsenenalter mehrfach untersucht wurden, geht hervor, dass häufig wiederkehrende somatische Beschwerden wie z.B. Bauch-, Kopf- und Muskelschmerzen ein Prädiktor für emotionale Störungen und Depression im Erwachsenenalter sind.19 Unspezifische somatische Beschwerden sollten bei Kindern daher ernst genommen werden, um frühzeitig die nötigen Abklärungen zu veranlassen. Je nach Alter sehen sich Menschen mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Fühlt man sich dabei überwältigt, kann dies zu chronischem Stress und Depressionen führen. Obschon langdauernde Stress-Situationen auf den ersten Blick nicht unbedingt mit Kindheit oder höherem Alter assoziiert werden, sind diese Altersgruppen relativ häufig von Depressionen und Angststörungen betroffen. Psychische Erkrankungen werden oft von somatischen Erkrankungen begleitet, die sich wechselseitig beeinflussen. Eine umfassende Diagnostik und ein integrativer Ansatz, welche sowohl die psychische Störung sowie die körperlichen Erkrankungen berücksichtigen, sind deshalb essentiell für die erfolgreiche Behandlung.

Referenzen:

1.   Black et al. Oxidative stress, anti-oxidants and the cross-sectional and longitudinal association with depressive symptoms: results from the CARDIA study. Transl Psychiatry. 2016; 6(2): e743.

2.   Szostak JW, Blackburn EH. Cloning yeast telomeres on linear plasmid vectors. Cell 1982; 29:245-255.

3.   Greider CW, Blackburn EH. Identification of a specific telomere terminal transferase activity in Tetrahymena extracts. Cell 1985; 43:405-13.

4.   Greider CW, Blackburn EH. A telomeric sequence in the RNA of Tetrahymena telomerase required for telomere repeat synthesis. Nature 1989; 337:331-7.

5.   Entringer et al. Stress exposure in intrauterine life is associated with shorter telomere length in young adulthood. PNAS 2011; 108(33): E513–E518

6.   Puterman et al. Determinants of telomere attrition over 1 year in healthy older women: stress and health behaviors matter. Molecular Psychiatry 2015; 529-535

7.   Blackburn et al. Human telomere biology: A contributory and interactive factor in aging, disease risks, and protection. Science 2015; 350:1193-8

8.   Ridout et al. Depression and telomere length: A meta-analysis, J Affect Dis 2016; 191:237–47

9.   Ritchie et al. Prevalence of DSMIV psychiatric disorder in the French elderly population.  Br J Psychiatry 2004; 184:147-52.

10. Meeks et al. A tune in « a minor » can « b major »: a review of epidemiology, illness course, and public health implications of subthreshold depression in older adults. J Affect Disord. 2011;129(1-3):126-42

11. Schneider G, Heuft G. Angst und Depression bei älteren Menschen.
Z Psychosom Med Psychother 2012; 58, 336-356,

12. A Ray et al. ABCB1 (MDR1) predicts remission on P-gp substrates in chronic depression. The Pharmacogenomics Journal 2015; 15, 332-339

13. Benkert O, Hippius H. Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie, 2013

14. Short- and Long-Term Use of Benzodiazepines in Patients with Generalized Anxiety Disorder: A Review of Guidelines. Ottawa (ON): Canadian Agency for Drugs and Technologies in Health; 2014.

15. Kellner CH et al. Right Unilateral Ultrabrief Pulse ECT in Geriatric Depression: Phase 1 of the PRIDE Study. Am J Psych 2016; epub 15.7.2016

16. Kellner CH et al. A Novel Strategy for Continuation ECT in Geriatric Depression: Phase 2 of the PRIDE Study. Am J Psych 2016; epub 15.7.2016

17. Yun-Fang Tsai et al. The effects of light therapy on depressed elders. Int J Geriatr Psychiatry 2004; 19: 545–548.

18. Beidel & Morris, 1995 Social phobia. In J.S. March (Ed). Anxiety disorders in children and adolescents (pp. 181-211). New York: Guilford Press.

19. Shanahan et al. Childhood somatic complaints predict generalized anxiety and depressive disorders during young adulthood in a community sample. Psychological Medicine 2015; 45, 1721-1730